Freitag, 24. April 2026

Die in der Lüge leben

 

Wer verstehen will, wie der neoliberale oder invertierte Totalitarismus (Sheldon Wolin 2003) funktioniert, sollte Vaclav Havels Essay "Vom Versuch, in der Wahrheit zu leben" lesen. Er schreibt darin nicht nur über die, die im totalitären Osteuropa versuchten, in der Wahrheit zu leben. Sondern auch über die, die lieber in der Lüge verharrten und so dem totalitären Regime dienten. Und über jene, die im "posttotalitären" Regime, wie er die westlichen Fassadendemokratien nannte, lieber bequem in der Lüge leben, als mit realer Kritik die Manipulateure zu ärgern.

 

Dazu Vaclav Havel: "Die Macht muß fälschen, weil sie in eigenen Lügen gefangen ist. Sie fälscht die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Sie fälscht statistische Daten. Sie täuscht vor, daß sie keinen allmächtigen und zu allem fähigen Polizeiapparat hat, sie täuscht vor, daß sie die Menschenrechte respektiert, sie täuscht vor, daß sie niemanden verfolgt, sie täuscht vor, daß sie keine Angst hat, sie täuscht vor, daß sie nichts vortäuscht" (in der KindleAusgabe Seite 28).

 

Für die verlogenen Manipulateure in Politik und Medien hat er schon vor der Implosion der osteuropäischen Regime 1989 einen Rat parat: "Niemandem wird geholfen, wenn die Regierung so lange wartet, bis die Menschen demonstrieren und streiken. All dem könnte man sehr einfach durch sachlichen Dialog und durch den guten Willen, auch kritische Stimmen anzuhören, vorbeugen. Solchen Warnungen wurde kein Gehör geschenkt.
So erntet die heutige Staatsmacht die Saat ihrer eigenen starren Haltung ... Ich hoffe immer noch, daß die Staatsmacht endlich aufhört, sich wie das häßliche Mädchen zu verhalten, das den Spiegel zerschlägt, in der Meinung, er sei schuld an seinem Aussehen." (Václav Havel, 21. Februar 1989). Für mich klingt das aktuell wie Harold Pinters "Warten auf Godot".

 

Wer sind die, die in der Lüge leben?

 

Die erste Antwort darauf ist für mich der Verweis auf die Bürgerkinderchen, die, von einem infantilen Konformismus geprägt, ihren Autoritäten folgen wie Kleinkinder ihren erwachsenen Bezugspersonen. Sie wissen nicht, was wirklich geschieht und nicht einmal, dass sie es nicht wissen. Je länger sie in sogenannten Bildungseinrichtungen indoktriniert wurden, desto gläubiger konsumieren sie die Erzählungen der Herrschaftsmedien, weil sie deren Inhalte gewohnt sind. Ansonsten sind sie vollauf mit dem individuellen Zurechtkommen in einer nicht verstandenen kapitalistischen Ausbeutergesellschaft und mit den zahllosen ablenkenden Amüsements der Spektakelgesellschaft beschäftigt. Wes naiven Geistes Kind Bürgerkinderchen sein können, hat der Nordbayerische Kurier am 12.09.2025 realsatirisch berichtet: "Sie lieben einen schönen, guten Gottesdienst."

 

Die zweite Antwort hat Vaclav Havel parat: "Der Mensch muß nicht an alle diese Mystifikationen glauben. Er muß sich aber so benehmen, als ob er an sie glaubt, muß sie zumindest schweigend tolerieren oder sich wenigstens gut mit denen stellen, die mit den Mystifikationen operieren. Schon deshalb muß er aber in Lüge leben. Er muß die Lüge nicht akzeptieren. Es reicht, daß er das Leben mit ihr und in ihr akzeptiert. Schon damit nämlich bestätigt er das System, erfüllt es, macht es – er ist das System." (auch in der KindleAusgabe Seite 28).

 

So ist es kein Wunder, dass, wer in der Lüge lebt, alle wahrnehmbaren Lügen beschweigt oder die üblichen Sottissen daher plappert.

 

Wenn es um Migration geht, werden nicht die wahren Gründe wie militärische und wirtschaftliche Kriege genannt, die zu 80% vom amerikanisch/europäischen Imperium geführt werden. Die Gründe für diese Kriege werden auch nicht hinterfragt, die Bürgerkinderchen quatschen einfach die Propaganda der Mächtigen und der Mainstream-Medien nach. Dass die migrationserzeugenden Kriege gegen Länder, die dem Imperium nicht "gehorchen", in der Regel völkerrechtswidrig sind, wissen sie nicht. Sie wissen nicht einmal, was das Völkerrecht ist. Sie wollen es gar nicht wissen, weil Wissen verantwortliches Handeln anregen könnte.

 

Wer gegen den Westen ist, haben sie von den Manipulateuren gelernt, ist böse. Das passt zu ihrem kindlichen Konformismus und vereinfacht ihre Haltung gegenüber den von Kriegen und Elend verfolgten Migranten. Die sollen einfach weg, nach Hause gehen. Dass dieses Zuhause sehr wahrscheinlich vom westlichen Imperium zerstört worden ist, nehmen sie lieber nicht wahr oder leugnen oder verdrängen es. Für ein bequemes Leben in der Lüge ist es am besten, nichts zu wissen.

 

Deshalb werden sie auch unleidlich oder reagieren gar aggressiv, wenn man sie aufzuklären versucht; denn "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" (Immanuel Kant). Lieber weiter in der Lüge zu leben heißt, den Ausgang aus seiner Wohlfühl-Unmündigkeit zu verweigern.

 

Was ich hier sage, gilt genauso für alle anderen kontroversen Themen: Ukrainekrieg, Angriffskriege des Westens in Venezuela, Kuba und in Westasien, Mittelstreckenraketen in Deutschland, RKI-Files, Rentenbetrug, Zerstörung des Sozialstaates, Corona, Völkermord in Gaza, Rüstungswahn und und und. Die in der Lüge lebenden Bürgerkinderchen stecken lieber den Kopf bis zum Arsch in den Sand, als sich mit den unangenehmen Dingen des Lebens zu beschäftigen. Ich glaube sogar, dass sie an ihrer wirklichkeitsfernen Matrix-Welt selbst dann noch festhalten werden, wenn die wirkliche Welt bereits weitgehend zerstört sein wird. Den letzten Weltkrieg haben sie schon vergessen. Nichts mehr mit "Nie wieder Krieg". Es lebe Hollywood und die Spektakelgesellschaft.

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